„Gedankenaustausch mit Studenten ist inspirierend“: Interview mit Dr. Anna Rabczuk

Dr. Anna Rabczuk ist eine Kultur- und Sprachwissenschaftlerin. Zurzeit hat sie die Stellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Warschau inne. Überdies arbeitet sie als Lehrerin für Polnisch als Fremdsprache im Zentrum für polnische Sprache und Kultur – „Polonicum“ – an der Universität Warschau.

M.R.: Während meiner Recherche bin ich auf die Information gestoßen, dass Ihr Forschungsschwerpunkt auf der kulturellen Glottodidaktik liegt. Können Sie in knappen Worten darlegen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt?

A.R.: Glottodidaktik kann mit anderen Worten als Sprachen- bzw. Fremdsprachendidaktik bezeichnet werden. Dieser Terminus ist eine Zusammensetzung aus zwei Wörtern altgriechischer Herkunft, und zwar glotta „Sprache“ und didáskein „lehren“, „unterrichten“. Glottodidaktik beschäftigt sich sowohl mit der Theorie als auch mit der Praxis des Lehrens und Lernens von Fremdsprachen und Sprachen im Allgemeinen.

M.R.: Und warum wird dieser Begriff mit dem Attribut kulturell versehen?

A.R.: Ich gehe davon aus, dass das Lernen einer Fremdsprache, ohne dass der kulturelle Kontext berücksichtigt wird, völlig sinnlos ist. Gerade mit dieser Fragestellung beschäftige ich mich im Rahmen von meinen Forschungen und wissenschaftlichen Arbeiten. Sprachliche Lexeme sollen nicht abgesondert von kulturellen Inhalten gelernt werden. Um es es Ihnen an einem Beispiel zu veranschaulichen, gebe ich jetzt ein Wort an, und Sie sagen mir, womit Sie das assoziieren. Versuchen wir mal: obrus (Tischdecke).

M.R.: Tisch, Gäste, Weihnachten, Heiligabend.

A.R.: Welche Farbe hat diese Tischdecke?

M.R.: Weiß.

A.R.: Dass die Tischdecke weiß ist, ist nur offensichtlich für Polen. Die Tischdecke wird auch in der Regel mit dem Heiligabend assoziiert. Wenn ich diese Frage in einer internationalen Gruppe stelle, ist die Tischdecke entweder kariert oder rot. Oder ein anderes Beispiel: die Imperativform von wziąć (nehmen) lautet weź! (nimm!). Ein Ausländer, der mit den soziokulturellen Spezifika des polnischen Sprachgebrauchs nicht vertraut ist, wird nur die eigentliche, wortwörtliche Bedeutung dieses Ausdrucks erkennen, während die Polen, je nach Äußerungssituation, etwas völlig anderes darunter verstehen.

M.R.: Sie beschäftigen sich mit sehr interessanten Phänomenen. Was hat Sie dazu bewogen, sich gerade in diese Richtung beruflich zu entwickeln?

A.R.: Als ich angefangen habe, Kulturwissenschaften zu studieren, habe ich nicht genau gewusst, was ich damit in meinem künftigen Berufsleben anfangen könnte. Im 2. oder 3. Studienjahr habe ich mich entschieden, zusätzlich eine zweite Studienrichtung aufzunehmen, und zwar Polonistik. Die Verschmelzung von diesen beiden Wissenschaftsdisziplinen bietet mir eine hervorragende Möglichkeit, immer wieder was Neues zu erfahren und zu beobachten, wie sich die soziokulturellen Unterschiede im Sprachgebrauch manifestieren. Von diesem Wissen kann ich dann Gebrauch in meiner Lehrtätigkeit machen.

M.R.: Und wie lange unterrichten Sie bereits ausländische SchülerInnen in Polnisch?

A.R.: Seit ungefähr neun Jahren.

M.R.: Was fasziniert Sie daran am meisten?

A.R.: In meinem Berufsleben habe ich mit Menschen zu tun, die aus unterschiedlichen Ländern stammen. Der Gedankenaustausch mit ihnen ist für mich eine große Inspiration und Bereicherung. Ich lerne von meinen ausländischen SchülerInnen mehr, als sie sich bewusst sind. Obwohl ich Kulturwissenschaften studiert habe, habe ich erst nach meinem Studium Erfahrungen mit verschiedenen Kulturkreisen sammeln können. Durch diese Beobachtungen habe ich gelernt, die Kultur, die Werte und die Gewohnheiten meines eigenen Landes kritisch bzw. mit Distanz zu betrachten. Für eine derartige Einstellung gibt es einen Fachbegriff „Kulturrelativismus“. Es geht um die Ablehnung der Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Kultur gegenüber  anderen sowie die Annahme, dass Kulturen weder verglichen noch  aus der Perspektive einer anderen Kultur bewertet werden sollen. Viele Menschen neigen leider unterbewusst dazu, die Besonderheiten der eigenen Kultur als maßgeblich zu betrachten.

M.R.: Ich bedanke mich sehr herzlich für das Interview. Es war sehr spannend, mit Ihnen reden zu können.

A.R.: Ich bedanke mich ebenfalls. Tschüss!

anna rabczuk

 

Das Interview wurde von Milena Raczkowska durchgeführt.